25.8.2005 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Hotel ist Hintergrund. Den Manierismus nicht den Manieristen überlassen: Das Wiener Messehotel von Hermann Czech

Wenn die Lifttüren sich öffnen, beginnt das Grauen. Dieses aus Horrorfilmen bekannte Motiv wird in vielen Hotels zur bitteren Realität. Der Gast irrt einen endlos scheinenden Gang auf der Suche nach der zugewiesenen Nummer entlang, hinter der die tiefe Traurigkeit der immer gleichen Bett-Schrank-Bad-Kombination darauf drängt, mit dem Inhalt der Minibar wegspült zu werden.

Das Gegenmodell zur anonymen Schlafanstalt hat sich unter dem Namen Design- oder gar Art-Hotel in den vergangenen Jahren sprunghaft vermehrt. Die Resultate sind meist so inspirierend wie Fahrstuhlmusik. Nur selten wird für saftige Aufschläge nicht einfach nur mehr, sondern intelligentere Gestaltung geboten. Das ganz normale Großstadthotel hingegen setzt auf Qualitäten wie die "zentrale Lage" und überlässt die Insassen ihrem Schicksal.

Bei einem Neubau an der Wiener Messe hingegen ist der unwahrscheinliche Fall eingetreten, daß der Hotelfunktionalismus außer Kraft gesetzt werden konnte, ohne in das entgegengesetzte Extrem, den Designterror, zu kippen. Aus einem Architekturwettbewerb, den der Investor auf sanften Druck der Stand Wien durchgeführt hatte, ging der Architekt Hermann Czech als Sieger hervor. Daß wenig später ausgerechnet das Österreichische Verkehrsbüro als Hotelbetreiber in das Bauvorhaben eingestiegen ist, mag ein Zufall sein, ist zugleich aber eine listige Pointe der Baugeschichte. Denn für dieses Unternehmen richtete der Architekt Hans Hollein Mitte der 1970er Jahre in Wien zwei Reisebüros ein, die zum Verrücktesten gehörten, was die postmoderne Architektur hervorgebracht hatte. Ihr Haltbarkeitsdatum war bald überschritten. Dreißig Jahre später kommt Hermann Czech zum Zug, der schon damals, in der Radauphase der österreichischen Architektur, als Spielverderber auftrat. Slogans wie "Alles ist Architektur" (Hollein, 1967) oder "Architektur, leicht und veränderbar wie Wolken" (Coop Himmelblau, 1968) konterte er im Jahr 1971: "Architektur ist nicht das Leben. Architektur ist Hintergrund". Während seine Kollegen noch mit Manifesten um sich warfen, hatte der 1936 geborene Czech bereits einige Umbauten realisiert, ein Restaurant eingerichtet und die Keimzelle für das mittlerweile legendäre "Kleine Café" geschaffen, das im Gegensatz zur Effektarchitektur jener Zeit bis heute nichts an hintergründigem Glanz verloren hat.

Der einsame Posten des Architekturmoralisten dürfte ihn viele Aufträge gekostet haben. Das Werkverzeichnis ist schmal, umfasst aber mehr als jene Handvoll Caféhäuser und Bars, die ihn, zumindest in Architektenkreisen, berühmt gemacht haben. Das Hotel an der Messe zählt zu den seltenen größeren Projekten. Deswegen ist es mit Spannung erwartet worden: Wie zum Beispiel wird er die Außenfläche behandeln, wenn doch seine Forderung, "auf eine hübsche Fassade zu verzichten, wenn das Schweigen angemessener ist" zu den meistzitierten Czech-Sätzen zählt? Da sich in Wien das Messegelände direkt neben dem Prater befindet, wo Riesenrad, Achterbahnen und Würstelstände das ganze Jahr über in Betrieb sind, konnte der Architekt sich auch bei dem Hotel ein bisschen mehr Lautstärke erlauben.

Wirklich hübsch aber ist die Fassade aus schwarzen und metallischen Aluminiumbahnen nicht geworden, die ohne Rücksicht auf das Raster der Fenster über den gebogenen und auch noch geneigten Baukörper gebügelt zu sein scheinen. Wie so vieles an diesem Bau fällt sie zunächst in die Kategorie "seltsam". Doch für alle Merkwürdigkeiten des Hotels gibt es Erklärungen. Czech kämpft auf der Linie von Adolf Loos "gegen jede Form, die nicht Gedanke" ist. Was nicht bedeutet, daß seine Architektur für jemand, der doch bloß nach einem Messetag die Füße ausstrecken möchte, ein undurchschaubares Rätsel ist. Für den bleibt sie vermutlich bloß Hintergrund. Nur die am Reizschema der zeitgenössischen Architektur trainierten Beobachter haben bei Czech einige Nüsse zu knacken. Bleiben wir beim "unsauberen" Zusammentreffen der Fenster mit dem Streifenmuster der Blechfassade: Ist da nicht zuviel Aufwand getrieben worden, um die Reihung der Fenster zu verschleiern, durch die sich ein Hotel nun einmal auszeichnet? Seit gut einhundert Jahren ist "Ehrlichkeit" eine Architektentugend. Nur zeigt jede Stuckfassade, daß sich Auge ganz gerne beschummeln lässt. Im Zweifelfalle für das Auge, hat Hermann Czech entschieden und sorgt dafür, daß es den Wienern garantiert nicht fad wird.

Die Zufriedenheit der Gäste hingegen hängt von anderen Faktoren ab. Es macht einen Unterschied, ein großes oder zwei kleine Bilder in ein Zimmer zu hängen und ob ein Flur schnurgerade ist oder gebogen. Im Messehotel zeichnet sich deswegen die leichte Schräglage des Baukörpers auch in den Gängen ab. Es fällt kaum auf, genügt aber, die Tristesse ein wenig zu dämpfen. Die an Adolf Loos geschulte Haltung, etwas nur zu verändern, wenn es wirklich verbessert werden kann, setzt sich in den Zimmern fort. Czech hat sie mit einer Kombination aus niedrigen Schränken ("weil ganz oben immer etwas vergessen wird") und Arbeitsflächen so ökonomisch und praktisch möbliert, daß es einen an die "Frankfurter Küche" Margarete Schütte-Lihotzkys aus dem Jahr 1926 erinnert.

Für die Ausstattung der Lobby wurde Le Corbusiers Sitzwürfel LC 2 in die Tuningwerkstatt geschickt. Czech ließ dem Klassiker zwei runde Holzgriffe verpassen, an denen nervöse Finger Halt finden können. Designpuristen dürfte das Schmerzen bereiten, alle anderen werden Czech dafür dankbar sein, daß der herrschende Geschmack ihn nicht blind gemacht hat. Er selbst nennt seine Haltung manieristisch. Und fügt hinzu, daß "der Manierismus einfach zu wichtig ist, um ihn den Manieristen zu überlassen." Hätte er doch nur öfter die Gelegenheit, uns zu zeigen, was das bedeutet.

Oliver Elser

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